Alfa Romeo schreibt seit nahezu einem Jahrhundert Automobilgeschichte
Die Faszination von Alfa Romeo ist ungebrochen

Die Geschichte von Alfa Romeo beginnt in Portello, im Nordwesten Mailands, nahe der Straße zum Simplon-Paß. Hier läßt der französische Automobilbauer Alexandre Darracq 1906 auf 36 Hektar Land ein modernes Automobilwerk errichten. Doch die dort produzierten Lizenzprodukte bewähren sich nicht auf dem italienischen Markt. So übernehmen schon bald Geschäftsleute aus der Lombardei das Werk und gründen die Società Anonima Lombarda Fabricia Automobili (A.L.F.A.). Der Grundstein für die über neunzigjährige Produktion der faszinierenden Automobile aus dem Haus Alfa Romeo ist damit gelegt.

1910 verläßt der erste A.L.F.A. das Werk in Portello. Er stammt – wie die folgenden Modelle auch – aus der Feder des Konstrukteurs Giuseppe Merosi und hört auf die Bezeichnung 24HP. 42 PS leistet der 4,1-Liter-Motor, der dem Wagen zu einer damals sensationellen Höchstgeschwindigkeit von über 100 km/h verhilft. Bereits ab 1911 untermauert A.L.F.A. seine Kompetenz im Automobilbau durch Motorsport-Erfolge. Doch trotz sportlicher Triumphe und ausgezeichnetem Image der Wagen aus Mailand ist die wirtschaftliche Lage der Società Anonima Lombarda Fabricia Automobili – der damaligen politischen und gesamtwirtschaftlichen Lage entsprechend – besorgniserregend. Am Horizont ziehen die düsteren Wolken des Ersten Weltkrieges auf und machen Exportchancen mit einem Schlage zunichte. Die Personen- und Rennwagenproduktion weicht Rüstungsaufträgen. Dank der staatlichen Aufträge können die hohen Kosten für Werkzeuge und Löhne der nicht ausgelasteten Arbeiter abgefangen werden. A.L.F.A. wird jedoch der Fehler zum Verhängnis, Darraqcs Aktien in Tiefzeiten nicht aufgekauft zu haben. Der Franzose verkauft sein Aktienpaket an die Banca Italiana di Sconto, die dadurch die Aktienmehrheit an der Firma aus Mailand erlangt. So meldet die Bank A.L.F.A. am 21. September 1915 zum Konkurs an. Der Verwaltungsrat muß machtlos zusehen.

Allerdings zeigt das 1914 gegründete Institut zur Förderung und Finanzierung der italienischen Rüstungsindustrie an der Gründung einer Firma mit dem Namen "Accomandita Ing. Nicola Romeo & Co." Interesse. Am 2. Dezember 1915 übergibt die Bank die Verantwortung für das neue Unternehmen den Angestellten. Chef wird der aus Neapel stammende Ingenieur Nicola Romeo.

Groß ist das Unternehmen nicht, doch die gewinnbringende Rüstungsgüterproduktion verhilft der Firma nach dem Krieg zu einer Rückumstellung auf die Produktion ziviler Fahrzeuge. So fällt 1919 der Startschuss für die erneute Produktion edler Automobile, deren Wagen nun – um den guten Ruf der A.L.F.A.-Automobile zu nutzen – auf den wohlklingenden Namen Alfa Romeo hören. Dank der zuvor erwirtschafteten Gewinne und des Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit gedeiht Alfa Romeo zu einem der führenden Fahrzeughersteller Italiens.

Alfa Romeo, mit seinem Markenzeichen die Verbundenheit zum mailändischen Firmensitz demonstrierend, ist weiter auf allen wichtigen Rennstrecken vertreten. 1925 gewinnt Alfa Romeo die erste Weltmeisterschaft. Am Steuer des 140 PS starken P2 sitzt der Conte Brilli Peri.

Längst befinden sich neben den hochkarätigen Kraftfahrzeugen mit ihrer fortschrittlichen Technik auch Traktoren, Lastkraftwagen, Omnibusse, Straßenwalzen, Elektro- und Dampflokomotiven, Eisenbahnwaggons, Baumaschinen und Triebwerke für Schiffe sowie Flugzeuge im Angebot der Firma, die inzwischen über weitere Fertigungsstellen in Saronno, Neapel, Trieste und Rom verfügt.

Der Börsenkrach am sogenannten schwarzen Freitag im Jahr 1929 treibt Alfa Romeo – wie unzählige andere Unternehmen auch – an den Rand des Ruins. Um Alfa Romeo am Leben zu erhalten, und damit den italienischen Markt nicht allein Fiat zu überlassen, wird Alfa Romeo 1934 in die Finmeccanica-Gruppe, die sich im Einfluss des Staatlichen Institutes für den industriellen Wiederaufbau Italiens (Istituto di Ricostruzione Industriale / IRI) befindet, eingegliedert. Ab 1930 heißt die Firma „S.A. Alfa Romeo".

Die Automobile, die damals das Werk in Portello verlassen, hören unter anderem auf die Bezeichnungen RL und RM. Bis zum Zweiten Weltkrieg folgen ihnen die auf Straße und Rennstrecke äußerst erfolgreichen Sechs- und Achtzylinderwagen von 1500 cm³ bis 2900 cm³ Hubraum. Sie repräsentieren die Spitze des internationalen Fahrzeugbaus.

Dann gehen in Europa die Lichter aus. Und als alles vorbei ist, heißt es erst einmal aufzuräumen. Drei Bombenangriffe haben 1943 das Stammwerk in Portello zu drei Fünfteln zerstört. Doch der Schutt macht einer neuen keimenden Hoffnung Platz. Mit Hilfe der 5.000 Angestellten wird das Werk wieder aufgebaut.

1946 hört die Firma auf den Namen "Alfa Romeo S.p.A." und als erste Automobile verlassen die überarbeiteten Wagen des Typs 6C 2500 die Werkshallen. Mit Ende des Krieges geht ein schleichender Wandel im Fahrzeugbau einher. Die beginnende Massenmotorisierung macht eine Entwicklung von der Fahrzeugmanufaktur zum Serienhersteller notwendig. Neben den immer weniger gefragten, sehr teuren und aufwendigen Automobilen fordert der Markt zunehmend seriengefertigte Fahrzeuge. Alfa Romeo vollzieht diesen Schritt 1950.

Im Jahr des zweiten Weltmeisterschaftsgewinns läuft der vierzylindrige Alfa Romeo 1900 in Portello vom Band. Der Wagen ist eine Sensation. Obgleich die Technik dem für Alfa Romeo gewohnt hohen Standart entspricht, erstaunt der Auftritt des Luxus-Fahrzeugproduzenten Alfa Romeo im Mittelklassesegment nicht nur die Fachwelt. Die viertürige Limousine mit ihrer pontonförmigen selbsttragenden Karosserie bildet – der Tradition Alfa Romeos entsprechend – die Basis für verschiedene Coupé- und Cabrioletvarianten. Und als wäre es eine Selbstverständlichkeit, bewähren sich die neuen Modelle aus Mailand auch im Motorsport.

1954 erscheint mit der 1,3-Liter großen Giulietta der Alfa Romeo für den „kleinen Mann". Der Ausbau der Modellpalette nach unten ist der richtige Schritt. Die Entwicklung der Giulietta erweist sich als Volltreffer. Wieder gesellen sich zur Limousine Spider und Coupé. Vom Sprint genannten Coupé entstehen gar vier verschieden karosserierte Versionen. Ganz nach Art des Hauses stammen die Linien für die bildschönen Wagen aus der Hand von namhaften Designern und Karosseriebauern wie beispielsweise Pininfarina, Bertone und Zagato.

Der expandierenden Firma wird es mit der Zeit in Portello zu eng. So ist der Bau eines neuen Werks in Arese beschlossene Sache. 1961 wird die neue Produktionsstätte am Rande Mailands bezogen. Und ein großes, geniales Auto wirft seinen Schatten voraus. Denn der Durchbruch – auch auf den Exportmärkten – gelingt Alfa Romeo mit der Einführung der unvergesslichen Giulia, die von 1962 bis 1978 in Arese von den Bändern rollt. Mit faszinierender Technik, Sportwagen ebenbürtigen Fahrleistungen, interessanter Optik und einem für die frühen sechziger Jahre beispiellos niedrigem Cw-Wert von 0,34 wird die Giulia zum bezahlbaren Traumwagen.

Eine Klasse über der Giulia rangieren die Modelle der 2600-Reihe. Formal orientieren sich die verschiedenen 2600 an den Modellen der zuvor produzierten Baureihe 2000. Doch unter den Hauben der ebenfalls als Limousine, Sprint und Spider erhältlichen Modelle arbeitet nun ein Reihensechszylinder-Motor und sorgt, dank der bis zu 145 PS, für standesgemäßen Vortrieb. Als der langjährige Karosserielieferant Touring, von dem nun das Kleid des 2600 Spider stammt, seine Pforten schließen muß, ist damit das Ende der Baureihe eingeläutet.

Die auf der Giulia basierenden 1750 und 2000 Berlina stehen schon in den Startlöchern. Mit dem Erscheinen der Berlina halten die leistungsstarken Aluminiummotoren mit den zwei obenliegenden Nockenwellen auch im bereits 1966 vorgestellten Spider und dem erstmals 1963 gebauten Giulia Sprint GT – mit Spitznamen "Bertone" – Einzug. Sowohl der Spider als auch das Coupé erfreuen sich größter Beliebtheit. Der "Bertone" bleibt 13 Jahre in Produktion und erringt beispielsweise in der GTA bezeichneten Leichtbauversion auf den Rennpisten Europas zahlreiche Meisterschaftstitel. Der bei Pininfarina entworfene und produzierte Spider läuft in seinen vier leicht unterschiedlichen Versionen gar 27 Jahre lang vom Band.

Die siebziger Jahre beginnen mit drei Sensationen aus dem Hause Alfa Romeo: Es erscheint der spektakuläre V8-Sportwagen Montreal, dessen Form aus der Hand des Bertone-Zeichners Marcello Gandini stammt. Außerdem präsentiert Alfa Romeo mit der Alfetta eine neue Limousinengeneration, deren Antriebstechnik auf die des gleichnamigen Formel 1-Renners zurückgeht, mit dem Alfa Romeo die ersten beiden Formel-1-WM-Titel erobern konnte. Die Transaxle-Bauweise – Motor vorne, Getriebe hinten – ist Basis für viele folgende Modelle bis hin zum Roadster RZ. Die größte Attraktion hört jedoch auf den Namen Alfasud. Beim Alfasud handelt es sich um ein vollkommen neues Fahrzeug mit vorausschauender Konzeption. Für die Fertigung des kompakten Fronttrieblers entsteht in Pomigliano d´Arco, nahe Neapel, eigens ein neues Werk. Mit seinem großen Innenraum und dem kompakten Schrägheck bildet er den Grundstein für die neue, bis heute bedeutende Fahrzeugklasse. Die zeitlos schöne Karosserie stammt von Ex-Bertone-Chefdesigner Giorgietto Giugiaro, der mit dem Entwurf des Sud den Boden für seine Firma Ital Design bereitet.

Der Alfasud verkauft sich gut. Dennoch beginnen für Alfa Romeo mit dem fortschrittlichen Fronttriebler sorgenvolle Zeiten. Trotz des dynamischen Boxermotors, bester Straßenlage und ansprechendem Äußeren kann die vielversprechende Konstruktion nicht in wirtschaftlichen Erfolg umgemünzt werden. Zu groß ist die Belastung der politischen Konflikte, der fortwährenden Streiks und der Interventionen der Geldgeber aus Rom.

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre besteht das Programm aus Spider, Alfasud, Alfasud Sprint und den auf dem Transaxle-Prinzip der Alfetta basierenden Modellen Giulietta, Alfetta, Alfetta GTV und Alfa 6. 1983 löst der Alfa 33 den Alfasud ab. Zwölf Jahre bleibt der zwischenzeitlich gründlich überarbeitete Alfa 33 im Programm. Die Bandbreite des erfolgreichen Kompaktwagens reicht bis hin zum 16-Ventiler mit 129 PS. Neben der fünftürigen Limousine gibt es seit 1984 auch eine anfangs als Giardinetta und später unter der Bezeichnung Sport Wagon angebotene Kombi-Version. Damit bereitet Alfa Romeo den Boden für das heutige Segment kompakter Edelkombis. Rechtzeitig zum 75-jährigen Firmenjubiläum erscheint 1985 der Alfa 75 in den Schaufenstern der Alfa Romeo-Händler. Seine Keilform ist die Fortsetzung des optischen Auftritts der neuen Giulietta. Es ist der letzte Alfa Romeo, der im inzwischen gebeutelten Staatsunternehmen entsteht. Daher ist eine Übergabe in private Hand längst beschlossene Sache.

Nach 52 Jahren ist Alfa Romeo wieder in Privatbesitz. 1986 gliedert Fiat die Firma in seinen Konzern ein. Als Dokument der Leistungsfähigkeit entsteht der auf 1000 Stück limitierte Sportwagen SZ. Die eigenständige Optik und unnachahmliche Straßenlage machen den Wagen zum Aushängeschild. Für Alfa Romeo bedeutungsvoller ist allerdings das Erscheinen der neuen großen Limousine. Dank neuer Möglichkeiten und finanziell gestärktem Rücken erwacht Alfa Romeo mit dem 1987 auf dem Markt erscheinenden Alfa 164 zu neuem Leben. Er ist das Produkt einer Entwicklungsgemeinschaft mit dem Fiat-Konzern. Das Konzept der Kooperation verschiedener Fahrzeughersteller erweist sich als vorausschauend und für Mitbewerber als nachahmenswert. Im großen Gefüge des Fiat-Konzerns bleibt so bei akzeptablen wettbewerbsfähigen Preisen Freiraum für weiterhin typische Alfa Romeo. So gelingt es dem Fiat-Konzern trotz intensiver Nutzung von Synergien immer wieder, eigenständige Alfa Romeo-Modelle zu entwickeln. Die Modelle Spider, GT, 147, 159, Brera und 166 sind dafür der beste Beweis.

Während der Spider eine Roadster-Renaissance einläutet, überträgt der Alfa 166 den sportlich italienischen Stil in die automobile Oberklasse. Der dynamische Alfa 159 tritt in die historischen Fußstapfen der Giulia. Gewürdigt mit einer Reihe von Preisen und Auszeichnungen, verhilft er Alfa Romeo zu neuer Popularität. Dabei erinnern Details formal an seine Urahnen, ohne sie jedoch nachzuahmen. Schließlich gilt es seit jeher als Alfa-Tradition, Mode zu gestalten.